atelier

 

Atelier du Peintre

„sie lernt zu jaulen mit den wölfen der einsamkeit. und verheißt schmachtende stunden am grunde der verschwiegenheit. messer auf ihrer brust und sie gesteht. mit den lauten der interpretation. ja du bist es den sie auserkoren hat für ihre weitschweifende verdammnis.“

„Atelier du Peintre“ (ÖL/Leinwand, Musèe d’Orsay, Paris) entsteht 1855 und wird von Gustave Courbet noch im selben Jahr in einer Baracke als Alternative zu den offiziellen Salons ausgestellt. Courbet, zeit seines Lebens einem anarchistisch-sozialistischen Denkmodell verpflichtet, nennt seine Ausstellung „Le Rèalisme“, sein Atelierbild wird zum Programmbild des Realismus. Das zentrale Bildmotiv zeigt den Künstler vor der Staffelei, ein nach oben gezogener Vorhang gibt eine Naturdarstellung frei, daneben ein nacktes weibliches Modell und, dem Bild ganz nahe, eine Knabe. Die Natur dient als Gleichnis für das friedliche Miteinander, das Kind ist die Verkörperung der Unschuld. Links und rechts davon haben sich Vertreter des Volkes, der Ausbeuter und Ausgebeuteten, wie Courbet formuliert, sowie seine Freunde und Mitarbeiter eingefunden, darunter auch Pierre Joseph Proudhon, dem Courbet seine politischen Ideen und Ziele verdankt. Jüngere Forschungsergebnisse glauben hier auch zeitgenössischer Politiker erkennen zu können. Courbet selbst nennt u. a. einen Juden, einen alten Republikaner, einen Totengräber und eine Irin, die ihr Kind stillt.

„hefe der träume und gegorene landschaftsstreifen voller leerer schrecken. immer wieder rennt sie auf dich zu um einer liebe zu entkommen. vergangen leben häufen ihren schrecken der reanimation und vergiftet ihre bereitschaft zu geben.“

Im Frühjahr 2004 wird das Atelier von Judith Klemenc (J.K.) 1:1 ins Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum übertragen. Zollerstraße 5 | Museumstraße 15. Ein privater Raum wird öffentlich, die Intimität prei gegeben. Existentielles Arbeiten, Erfahren, Fühlen, Freude, Leiden über viele Jahre wird für den Außenstehenden angedeutet, nachvollziehbar wohl nicht. Arbeiten der letzten Jahre, teilweise schon in Ausstellungen zu sehen, eingegossene Knochen von Schweinen, Tonskulpturen, die materiellen Reste der Videoinstallation „emeth“, Klemenc Brutkästen, Texte, geplatzte Fruchtblasen, Sprachkörper, verkrüppelte Figuren, Monitore, Tonboxen, Material, Ton, Sand, Arbeiten für die nächsten Ausstellungen, dazwischen ein weißes Sofa. Der Stoff mit einem Text überzogen. An den Wönden Zeichnungen, Texte, Konzepte, Fotoarbeiten. Ein horror vacui des eigenen Körpers, der eigenen Haut, der Berührung, das dazwischen, des Inzests mit sich selbst, der Auseinandersetzung mit der persönlichen Biographie.

„ich wünsche mir eine haut aus stacheln. igeltiere um einen tod zu täuschen. einfach liegen und überfahren werden mit futuristischen zügen einer anpassung. die letzten schwarzgefärbten vokale am gleitschutz deiner räder verendet. und nichts als eine niederzermalmtes gerippe aus einer bodeenlosen herkunft ohne der gewissheit des geliebtseins.“

Das Atelier von Judith Klemenc (J.K.) wird für drei Wochen zur Bühne. Es dient unterschiedlichen Gesprächspartnern der regionalen Kunstszene und Kulturpolitik als Ort der Begegnung. Kommunikation, Distanz und Interaktion, Thema der früheren Toninstallation der Künstlerin, werden nun mit handelnden Personen wiederholt, ja diese werden zum sprechenden Objekt, zur bewegten Skulptur und nehmen den ihnen zugewiesenen Platz ein – wir finden die Künstlerin, einen Direktor, einen Kustoden, einen Nationalratsabgeordneten, eine Landtagsabgeordnete, lokale Kultursprecher, geladene Künstler und Künstlerinnen, den heute stets anwesenden Medientheoretiker, eine ehemalige Leiterin eines Kunstraumes, den Leiter eine regionalen Kunstzeitschrift.

„immer übler mitgespielt, die höschen am boden und mit intimdüften gefüllt. völlig genervte und aufgetrennte erinnerungen. nun ja, ein beischlaf würde genügen. um einem vakuum wieder eine dosis schmerz beizufügen.“

Der Malerfürst bittet zu Tisch, die Gesellschaft der Gründerzeit leistet der Einladung folge. Hans Makart und sein Atelier sind wichtiger Treffpunkt der Wiener Gesellschaft der ausklingenden Donaumonarchie. Dazwischen seine Bilder, eine Trilogie der Leidenschaften, sinnlich, mit der Erotik spielend, die Lust zum Mitspielen wird durch ein Panoptikum der Lasterhaftigkeit vereitelt. Makarts Bilderwelt beeinflußt das Publikum, des Publikum seiner Bilderwelt. Mediale Muster werden geprägt und vervielfältigt. Laster und Lüsterheit – die zeitgenössische Literatur steht Pate.

„sie baut sich geschichten ihres zuhauses. ein verlorenes gesicht mit den augen voller tränen. ein anderer name der sie kleidet. irendi. so versponn sie ihre zeilen an den mond. abgeleitet aus einem irgendwie. ein noch fassbares. undefinierbares. wie schlamm unter ihrem boden.“

Courbet will mit seinen gemalten Atelier als Treffpunkt der Pariser Gesellschaft zur Mitte des 19. Jahrhunderts die Ideen seiner Epoche nach seinen persönlichen Wertvorstellungen übertragen. Der malende Künstler im Zentrum der Gesellschaft, die dem neuen künstlerischen Selbstverständnis entsprechenden Platz einräumt. Das Atelier von Hans Makart im gründerzeitlichen Wien ist Treffpunkt der Gesellschaft, wird zum Salon der Reichen und Emporgekommenen, auch der Kaiser soll zu Besuch gewesen sein. Es wird mit seinen Plamen, Traperien und Historienbildern zum Gesamtkunstwerk, ist Symbol und ästhetische Schablone einer ganzen Epoche. Sein Atelier ist nicht nur Arbeitsraum, es ist eine selbst geschaffene Welt, das Publikum Teil davon Das Projekt „Atelier“ von Judith Klemenc (J.K.) arbeitet mit Intimität und Öffentlichkeit, den politischen und kulturellen Vernetzungen, zeigt Machtfelder auf, läßt Sprachkörper und Sprechblasen entstehen, die mit den Texten der Künstlerin, weißen Betonkörpern eingeschrieben, in Konkurrenz treten (Auszüge sind zitiert, kursiv gesetzt).

Das Spannungsfeld Atelier | Produktion | Kunst | Öffentlichkeit | Politik | Museum  | Ausstellung | Raum wird abgesteckt und zur Diskussion gestellt. Zurück bleibt Leere und Hoffnung – das Brautgewand im verlassenen Atelier.

Christoph Bertsch