das geschlecht, das nicht eins ist

7 objects. 2018. plaster. each object 450 x 200 x 100 cm

Diese Arbeit korrespondiert mit dem sich durch den Denk- und Textkorpus der französischen Philosophin und Psychoanalytikerin Luce Irigaray ziehenden Gedanken: Es gibt noch nicht die anderen Körper, die anderen Zonen, es gibt es noch nicht, das andere Imaginäres; es gibt noch nicht die neuen, anderen Beziehungen der Geschlechter. Sie sind im Kommen. Sie schweben im Raum, flüchtig, fluide.  „Nun, gilt es also, allen Sinn von oben nach unten, von hinten nach vorn zu kehren. Dann gilt es, den Sinn radikal zu erschüttern und die Krisen, die ihr ‚Körper‘ in seiner Unfähigkeit, zu sagen, was ihn schüttelt, durchmachen muß, in ihn zu übertragen, zu re-importieren. Auch auf jenen weißen Stellen im Diskurs bewußt zu insistieren, die an die Orte ihres Ausschlusses erinnern, die in ihrer schweigenden Plastizität den Zusammenhang, die Verknüpfung und die kohärente Ausdehnung der etablierten Formen des Diskurses sichern.“[1]

In der rätselhaften Bewegung dieses unaufhörlichen Hin und Her, dieser Nähe und in diesem Abstand, in diesem Kon-Takt zur Anderen/zum Anderen – genau da, in einem Strom der Unaufhörlichkeit von Berührung und Abstand, in dieser Ko-Existenz  – „von diesem konkreten Stand der Dinge aus, könnten wir unsere Verteidigung führen, unseren Anspruch setzen, einen anderen Körper, ein anderes Imaginäres entdecken.“[2] sagt Luce Irigaray in einem wenig beachteten Interview Neuer Körper, neue Imagination, 1976 in deutscher Sprache in der Zeitschrift alternative erschienen. In diesem Interview – wie in den meisten ihrer Texte – fordert sie dazu auf, im Denken zuallererst einen Raum zu schaffen für die neuen, anderen Körper und die neuen, anderen Imaginationen. Diesen Raum gibt es noch nicht – auch gibt es die neuen anderen Imaginationen, die neuen Körper im Denken noch nicht.

Zunächst geht es um eine gewisse Scheu. Es geht um ein Unbehagen, sich auf den Körper zu beziehen, da er allzu leicht am Ort des Natürlichen erscheint. Der Körper erscheint an einem Ort, der das Vernunftsubjekt erneut beheimaten könnte, nachdem es teilweise aus dem Bewusstsein, dem autonomen Ego verbannt wurde. Dann geht es um eine sehr gewisse Scheu, sich auf Wesenheiten zu beziehen, auf das traditionellerweise Meta-Physische mit dem alles ontologische Fragen und Denken assoziiert wird. Es geht also um zweierlei: Das Problem des Natürlichen und das Problem des Intelligiblen – vermengt in der Frage nach dem Sein. An diesem unbehaglichen Ort halten sich die Körper auf.

Judith Klemenc scheut diesen Ort nicht. Ihre Figuren zeugen von genau diesem Ort. Sie dekonstruiert, das Meta-Physische, in dem ihre schwebenden Körper, die wir wie von unten, also als Schwebe-Körper, auf einer Meta-Ebene betrachten, sinnlich werden, konkret. Füße, gespreizte Beine, das geht schon – geht schon weiter. Und viele gehen, viele Körper gehen hier weiter, oder fliegen. Fliegende Füße.

Elisabeth Schäfer

[1] IRIGARAY, Luce: Speculum, Spiegel des anderen Geschlechts, Suhrkamp, Frankfurt/M., 1980, S. 181

[2] IRIGARAY, Luce: Neuer Körper, neue Imagination. Interview mit Martine Sorti. Aus dem Französischen von Gerburg Treutsch-Dieter. In: alternative: Das Lächeln der Medusa 108/109. Herausgegeben von BRENNER, Hildegard. Berlin 1976, S. 126