das geschlecht, das unter(f)liegt

fotos: RFDinsel, judith klemenc

2019. gipsbandagen. 7-teilig. je: 450 x 200 x 100 cm

Voilà! Voler: c’est le geste de la femme
„das geschlecht, das unter(f)liegt“

„Voler, c´est le geste de la femme, voler dans la langue, la faire voler, […]“ schreibt Hélène Cixous und in der Übersetzung von Claudia Simma klingt es so: „Voler, (sich davon)stehlen, (ent)fliegen, das ist die Bewegung der Frau, in der Sprache stehlend entfliegen, die Sprache dazu zu bringen sich flugs davonzustehlen.“[1] Es ist dieses Fliegen, das dem schweren Liegen und dem noch schwereren Unterliegen entkommen will; es ist dieses Fliegen, das sich auch einem aufrechten Stehen, davonstiehlt, „eine aufrechte Körperhaltung einnehmen, jener gleich, die sich theoretisch nennt, das ist ganz und gar nicht mein Anliegen.“[2] Von einer aufrechten Körperhaltung des Denkens ist bei Hegel noch die Rede, wenn er schreibt: „Das Erste, was hier gelernt werden muß, ist aufrecht stehen […]“[3] In Judith Klemencs Arbeit „das geschlecht, das unter(f)liegt“ steht gar nichts. Und ob die Objekte, die Körper, in ihren Anordnungen „liegen“, ist unklar. Die Körper haben eine ephemere Kraft, die sie stets heben oder vielmehr, leichter: lüften. Sie fliegen schon, sie fliegen auch dem Schreiben davon. Was aber nicht heißt, dass wir ihnen nur nach-rufen können. So traurig ist es nicht. Ist es auch. Es ist immer auch eine traumatische Spur, anhand derer sich die Arbeiten von Judith Klemenc entlang winden. Der Schmerz, das Unterliegen ist da und zeichnet Brechungen ins Skulpturale ohne sie verbergen zu wollen. Ein Bild wird gehauen. Zur Skulptur, lateinisch sculptura, zu: sculpere = (durch Graben, Stechen, Schneiden) etwas schnitzen, bilden, meißeln. Das alles überträgt sich ins Material. Und doch widersetzt sich immer auch etwas, es entflieht, stiehlt sich davon.

Fliegen, Stehlen, Entfliegen, sich Davonstehlen – das ist die Bewegung der Frau und mehr als ihre Bewegung lässt sich vielleicht auch nicht sagen oder genaueres als ihre Bewegung lässt sich nicht sagen. Als wäre das zu wenig, als wäre eine Bewegung nicht schon das größte Versprechen, was es zu sagen gäbe. Alle Versuche, die Frau auf ihr Wesen hin zu bestimmen, sie zu de-finieren, enden darin, sie zum Unterliegen zu bringen, sie zu kategorisieren, sie zu naturalisieren, sie zu essentialisieren.

In ihrem Essay „Das Lachen der Medusa“ zeigt Hélène Cixous ihren Leser*innen wie in den Jahrtausenden patriarchaler Tradition das weibliche Geschlecht unterlag, im „Unten“[4] und „Draußen“[5] der Kultur. Sie ruft es unendlich oft neu hervor und dazu auf, dass die „Lug- und Trugmaschinerie“ der patriarchalen Erzählung „ruiniert“[6] werden muss und sich – nicht endlich – sondern UNENDLICH ihre, eine, noch eine und noch eine und noch eine neue Geschichte schreiben muss – her story statt history. Es braucht eine neue, eine andere, eine vielfältige, eine unendlich sich bewegende, sich ändernde, eine fliegende, eine „weibliche“ Schrift, die zur „Umgestaltung der sozialen und kulturellen Strukturierungen“[7] beitragen und einen Ausweg, einen Fluchtweg, einen Luftweg, einen Flug-weg aus dem Labyrinth der männlichen Sprachdominanz weisen soll. „Frauen“, die „mit weißer Tinte“[8] schreiben, müssen zu ihren Körpern zurück/finden oder sie in ihrer Zukünftigkeit ankommen lassen, die Körper, die bislang bestimmt, definiert, essentialisiert und naturalisiert wurden, die stillgelegt waren und sind, die unterlegen sein sollten in einem Diskurs, der listig mit der Erfindung des Schamgefühls operiert und die Lust raubt.[9] Eine „Frau ohne Körper“[10] bleibt stumm und blind, sie bleibt Instrument, das den Spielern unterliegt, die es erfunden haben. Ein anderes Schreiben von einem nicht länger unterliegenden sondern anders-unten-fliegenden Körper her, kann ihren Körper, alle ihre Körper als „singendes Fleisch“[11] zum Sprechen bringen. Ein Sprechen, das sich nicht überhebt, keine aufrechte Haltung annimmt, ein Sprechen, das nicht rachsüchtig erneut unterwirft, ein Sprechen, ein Schreiben, das das Aporetische wagt: Untenfliegen. Dort fliegen, wo eine sonst taucht, oder schwimmt. Fliegen in einem anderen Element. Unterfliegen als Bewegung des Unten-Wendens, Unten-Drehens, heißt auch: Subvertieren. Wie Gertrude Postl es formuliert, gibt es für Cixous „keinen Geist ohne Körper, keine Kultur ohne Natur […] und vor allem keinen Körper ohne Sprache und keine Sprache ohne den Körper.“[12] Sie ist klingend, fliegend, umstürzend, unendlich weiterführend, ermöglichend, stets bewegend und ändernd; für sie gibt es keine Grenze, keinen Tod.[13]

Der Übersetzerin des Lachens der Medusa, Claudia Simma, zufolge sind „aile“/„Flügel“ und „elle“/„sie“ im Französischen homophon.[14] Diese Homophonie zu re-signieren, bedeutet nicht zu resignieren, nicht resignativ, sondern dekonstruktiv zu werden – so wie die Arbeiten von Judith Klemenc, die die traumatische Schwere der Einschreibung, die Gewalt des Bildhauens wie des nicht weniger schroffen „Bildhauens“ einer sozialen, körperlichen Subjekt-Skulptur kennen und dem nicht allzu einfach und allzu rasch eine phantastische Gegenwelt entgegensetzen oder gar überstülpen wollen. In den Arbeiten von Judith Klemenc wird nichts verbrämt, vielmehr wagen diese Arbeiten ihre Umschrift, ihre Subversion, ihr Wenden und Herauswinden dort, wo sie sich im zeithistorischen Momentum schmerzlich finden – immer noch unten – aber nicht länger liegend, sondern fliegend. So bewegen sie sich und andere weiter. Voià: Voler, c’est le geste de la femme.

Elisabeth Schäfer


[1] Hélène Cixous: Das Lachen der Medusa. In: Esther Hutfless, Gertrude Postl, Elisabeth Schäfer (Hg.), Das Lachen der Medusa zusammen mit aktuellen Beiträgen, Wien: Passagen Verlag 2013, S. 39-63, hier: S. 53.
[2] Hélène Cixous/Elisabeth Schäfer: Medusas „Changeance“. Ein Interview mit Hélène Cixous. In: Esther Hutfless, Gertrude Postl, Elisabeth Schäfer (Hg.), Das Lachen der Medusa zusammen mit aktuellen Beiträgen, Wien: Passagen Verlag 2013, S. 181-193, hier: 190.
[3] Georg Wilhelm Friedrich Hegel. Gesamtausgabe 1832-45. Werke VII.
[4] Cixous, Das Lachen der Medusa, S. 41.
[5] Ebd.
[6] Ebd., S. 47
[7] Ebd., S. 43
[8] Ebd., S. 46.
[9] Vgl. ebd., S. 51.
[10] Ebd., S. 44.
[11] Ebd., S. 55.
[12] Postl, Gertrude: Eine Politik des Schreibens und des Lachens: Versuch einer historischen Kontextualisierung von Hélène Cixous‘ Medusa-Text. In: Esther Hutfless, Gertrude Postl, Elisabeth Schäfer (Hg.), Das Lachen der Medusa zusammen mit aktuellen Beiträgen, Wien: Passagen Verlag 2013, S. 21-39, hier: S. 28.
[13] Vgl. Cixous, Das Lachen der Medusa, S. 53, 55.
[14] Vgl. Simma, Claudia: Medusas diebische Vergnügen. In: Esther Hutfless, Gertrude Postl, Elisabeth Schäfer (Hg.), Das Lachen der Medusa zusammen mit aktuellen Beiträgen, Wien: Passagen Verlag 2013, S.73-80, hier: S. 75.