die seidene …

2018. 4c-print on canvas. 60 x 60 cm

 

Diese maßlose Anziehung der Körper und ihr großer Krieg. Wie sie sich anziehen, und wie sie ausziehen in ihren Krieg miteinander, wie sehr sie sich abstoßend finden, wie sehr sich abstoßen voneinander, schier unendliche Kräfte bewegen die Körper. Wie anziehend sie sich finden. Nicht nur sensibel gehen sie miteinander um, wenn das Sensible das nur Zärtliche und Beschwichtigende ist. Die Körper streiten, sie überwerfen sich miteinander und zerstreuen sich in alle Winde. Sie bilden sogar Antikörper, um einander zu bekämpfen. Die seidenen Körper von Judith Klemenc zeigen die ganze elastische Kraft der Seide und ihrer Faltenwürfe.

In seinem Werk Die Falte[1] wählt der französische Philosoph Gilles Deleuze die Perspektive des Barock und der Philosophie Leibniz’: Seelen können einen Körper haben als Ausgangspunkt seiner philosophischen Untersuchungen der Falte. Leibniz, der bereits davon ausging, dass der Körper den Seelen gehöre wie ein Eigentum, wird für Deleuze der zentrale Denker der Falte, des Faltens, der Faltungen – Ähnlichkeiten und Indifferenzen treten damit als weitere Denkfiguren zur Falte hinzu. Falten ähneln sich, sie sind schwer zu differenzieren – eine Falte von einer anderen zu unterscheiden ist oft ein Ding der Unmöglichkeit; Falten sind indifferent und zugleich ist es ihre Bewegung sich voneinander zu differenzieren, auszufalten: sie sind in-Differenz zu einander. Der Körper – so Deleuze mit Leibniz – verschmilzt nicht mit der Seele oder integriert sich als Materie, als Sinnliches innerhalb des Seelenterrains. Der Körper bleibt der Seele äußerlich. Die Körper gehören zwar (zu) den Seelen, jedoch unterscheiden sich diese beiden Entitäten. Die Seelen, von Leibniz als vernünftige Monaden gedacht, sind von einem vereinheitlichenden Prinzip strukturiert, die Körper hingegen sind in ihrer Struktur und Materialität von einem vielgestaltigen und vielfältigen Gemenge an Kräften bestimmt, die unkontrollierbar und unbegrenzbar wirken. Dennoch ähneln sich die Falten der Seele und die Falten der Körper. Gilles Deleuze entwirft mit der Metapher eines zweigeschossigen Hauses, ein Bild für die Weise wie Körper und Seelen beieinander wohnen. In der unteren Etage wohnt die Materie, in der oberen Etage ist die Seele eingeschlossen. Allein die untere Etage hat Öffnungen, die Welt dringt in die Wohnstätte der Materie – die Welt findet in der Materie ihre Realisierung, sie schreibt sich in die Falten der Materie ein, so wie die seidene von Judith Klemenc ineinander gefaltete verschiedene Schichten zeigt. Will man die Unterscheidung von Leib und Seele näher bestimmen, produziert jede Unterscheidung weitere Falten, deren Bewegung sich in Unendlichkeit weiterfaltet. Orientierung stiftet das Prinzip der Ähnlichkeit in diesem Meer der Falten. Wie im seidenen Faltenwurf kräuselt sich ein Versprechen von Unendlichkeit.

Elilsabeth Schäfer

[1] DELEUZE, Gilles: Die Falte. Leibniz und der Barock. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1995, S. 34 ff.