emeth

installation. 2003. clay, explosives, video, sound

Die Mehransichten in den plastischen Arbeiten von Judith Moser

Ich habe frühe Arbeiten von Judith Moser vor mehr als zehn Jahren in Innsbruck, als ich noch Kunstgeschichte studierte, kennen gelernt. Es waren Arbeiten in Pastellkreide auf Papier, im Format 50 x 70 cm (1990). In Fragmenten waren Partien eines weiblichen Körper mit energischen Strichen wiedergegeben, ein den stereotypen Weiblichkeitsbildern entgegengesetzter Entwurf. Die Herauslösung von Sexualität leichtfertigen Konsums, einen Anspruch auf identitätsstiftende Gefühle sah ich in diesen Arbeiten reklamiert. In Erinnerung ist mir vor allem die Absonderung des Kopfes vom Körper und seine Gesichtslosigkeit. Form und Ausdruck des Gesichts, also die Gesichtszüge und das Mienenspiel als Spiegel des menschlichen Wesens und Charakters waren ausgeklammert, ohne Interesse an einer physiognomischen Ähnlichkeit, sozusagen ein Akt wider die faciale Bilderflut. Der verzieht auf physiognomische Ähnlichkeiten oder gar das Fehlen des Kopfes als Sinnbild des Zentrums geistiger Lebenskraft und Sitz des männlichen Logos sah ich evoziert. Die Reflexion des weiblichen Körpers – in all seinen Facetten – ist als feministische Position im Schaffen von Künstlerinnen, ich nenne nur Maria lassnig, Louise Bourgeois und Valie Export, seit den Sechzigerjahren ein durchgängiges Thema.

Die Auseinandersetzung mit dem Körper setzt sich in dreidimensionalen Arbeiten, den Plastiken fort. In losen Gruppen situiert sind bis zu 50 Tonkörper als Installation kurzfristig verortet und stellen als neu gebildete Einheit mehr als die Summe ihrer Teile dar. In ihrer freien Anordnung, an kein vorgegebenes Gliederungsprinzip gebunden, entsteht ein kommunikatives Geflecht, das auch die dazwischenliegenden Leerräume einbindet. In ihrer gestischen Rhythmik wecken die Anthropomorphen, quasi-abstrakten Formen eine Vielzahl von Assoziationen. Ich bin versucht, sie anzugreifen, in die Hand zu nehmen, die raue, unglasierte Oberfläche zu berühren. Ich frage mich: sind sie kalt oder warm, sind sie schwer oder leicht, Hülle oder Fülle? Die Nähe zum Material ist nicht nur im Ergebnis, auch im Prozess der Gestaltung evident. Schicht für Schicht ist das Gemisch von Schamott und Ton aufgezogen, wird ein imaginäres, verborgenes inneres mit Stofflichem belebt. Die hohle Innenform, einer Dunkelkammer gleich, bildet gleichsam eine undefinierbare Essenz, kein Geschwätz von Seele und Spiritualität findet hier Platz, es ist vielmehr ein unbewusstes Inneres, welchem der neu gebildete Körper eine Wohnung, ein Gefäß, eine Hülle ist. Diese Intensität der materiellen Kommunikation gibt den Körpern ihr Gewicht.
Die jüngste Videoarbeit „emeth“ dokumentiert die Sprengung, die Zerstörung dieser Körper an unterschiedlichen Schauplätzen. Das Geschehen wird gefilmt und am nächsten Ausstellungsort teil der Videoprojektion. Die Vermittlung der Wahrheit (emeth) in konkreten sinnlichen Bildern ist im Scherbenhaufen neu manifestiert, die Trennung einer vorangegangenen Verdichtung wird zum Neuentwurf von Körperlichkeit on einem virtuellen Umfeld. Alte und neue Orte fließen in übergeordneten, vernetzten Bezügen zusammen, der Ablauf von Ereignissen schafft eine Zeitlichkeit, die dem Kunstwerk bewusst hinzugefügt wird. Die aus dem „Nichts“ durch das ständige Hinzufügen von Material geformter Plastik fällt ins „Nichts“ zurück und stellt so totalitäre Konzepte über die Dekonstruktion neuerlich in Frage. Angedeutet sehe ich auch das Nichtwissen vom Aussehen eine ganzen Körpers, welcher im Betrachter oder der Betrachterin als Vorstellungsbild neue Gestalt und Leben gewinnt.

Renate Breuß. In: Judith Moser: emeth. Wien: Triton 2002, S. 42f.

 

Die Installation der 35-jährigen Innsbruckerin bedeute eine Zäsur in ihrem Sein als Künstlerin. Denn die gelernte Bildhauerin steht hier vor den Scherben ihrer bisherigen Arbeit, um sie zur Basis ihrer zukünftigen zu machen.
Für ihre bereits in Rom und Paris gezeigte Installation hat Judith Klemenc (J.K.) eine Reihe ihrer in den vergangenen zehn Jahren entstandenen Tonfiguren zuerst mit roter Farbe – warum rot, dsa weiß die Künstlerin selbst nicht zu erklären – bemalt, auf ein Schneefeld gestellt und mittels Dynamit gesprengt. Diese Scherben sind Teil der Installation, der zweite ist das Video der Sprengung.
Die Radikalität dieses Tuns überrascht gerade angesichts des bisherigen Tuns Judith Klemenc (J.K.). Denn ihre tönernen, in sich gekehrten Figuren , die eigentlich nur Hüllen einer komplexen Wesenhaftigkeit sind, zeichnen sich gerade durch ihre Fragilität aus. Die Schöpferin dieser zerbrechlichen Körper hat ihre „Kinder“ nun dem Tod preisgegeben.
In diesem Akt der Zerstörung – meth – ortet die Künstlerin allerdings die Wahrheit – emeth – und somit die Chance auf neue Erkenntnisse und künstlerische Perspektiven. So sieht Klemenc (J.K.) nicht zuletzt in den elektronischen Medien, im Video und in der Fotografie, aber auch im Sound, den sie mit ihren vielschichtigen – nicht zuletzt politischen – deutbaren Bildern kombiniert.

Edith Schlocker: Sprengung im Schneefeld. In: Tiroler Tageszeitung, 10. 2. 2003, S. 12

Die Wahrheit. Sie zeigt sich in ihrem eigenen Zerspringen. Nicht in den Scherben. Aber in den Dynamiken und Effekten ihrer Fragmente, den brüchigen, porösen Skizzen, den stilistischen Versuchen, Entwürfen, Essays. Die Arbeit emeth von Judith Klemenc zeigt rote Gefäße im Schnee, ihr Zerspringen, den Flug der Scherben. Auch die Bruchstücke der Gefäße in einer platonischen Höhle mit Schattenwurf an der Wand. Ewig halten die Ideen jedoch nicht – Judith Klemenc zeigt in einem shortcut abendländische Philosophiegeschichte.

Elisabeth Schäfer