fädentextur

 

2014. 4C-Print, Diasec

Das Fleisch, schreibt der französische Phänomenologe Maurice Merleau-Ponty, ist Element, ist Textur. Die Textur ist auch das Gewebe, Fäden, die sich miteinander zu einem Muster verweben. Es ist eine Struktur wie die Schrift, der Text, die Sprache, die Ordnung. Das Fleisch der Welt und das Fleisch des Leibes, des Körpers verbinden sich – sie machen Sinn miteinander. Die Verschränkung von Fleisch und Fleisch beschreibt Merleau-Ponty mit der Figur des Chiasmus. Der Chiasmus ermöglicht das Denken vielfacher Verschränkungen: zwischen Sprache und Körper, Psyche und Körper, Körper/Leib und gesellschaftlicher wie symbolischer Ordnung. Es sind dies nicht zu unterscheidende Chiasmen, nicht verschiedene Regionen oder Register des Seins. Was sie bindet und verbindet ist der Bezug zur Welt, der Chiasmus Leib-Welt, die Fähigkeit des Leibes zur Verdopplung – Innen und Außen sein – ebenso die Verdopplung der Welt in ein Innen und ein Außen.

Körper/Leib und Welt werden zum Fleisch, ohne dass wir sagen könnten, der eine sei in ihr und sie umgebe ihn. Körper/Leib und Welt lassen sich ineinander ein. Chiasmus ist auch Ergreifen und Ergriffen-Werden, Berühren und Berührt-Werden. Immer beides.

Chiasmus bezeichnet ein Übergreifen, eine Übertragung ohne Synthese. Er ist eine Verflechtung von Sinnlichem und Intelligiblen, ein Mittendrin, ein Zwischen-Sein – metaxy[1].

Körper dieses Zwischen-Seins, dieses Fleisch ist in Judith Klemencs fädentextur ins Werk gebracht. Und es leuchtet. Das Fleisch.

Elisabeth Schäfer

[1] Vgl. dazu PECHRIGGL, Alice: Chiasmen. Antike Philosophie. Von Platon zu Sappho – von Sappho zu uns. Transkript Verlag, Bielefeld 2006, S. 10ff.