le corps-à-corps avec la mère

 

„Genauso müssen wir die Worte, die Sätze finden, wiederfinden, erfinden, die die archaische und die aktuelle Beziehung zum Körper der Mutter, zu unserem Körper ausdrücken, die Sätze, die die Beziehung zwischen ihrem Körper, dem unseren, dem unserer Töchter zum Ausdruck bringen. Wir müssen eine Sprache entdecken, die sich nicht an die Stelle dieses Körper-an-Körper-Seins setzt, wie es die Sprache des Vaters zu tun versucht, sondern die es begleitet, Worte, die das Körperliche nicht ausstreichen, sondern die körperlich sprechen.“[2]

Vielleicht können nicht nur Worte, sondern auch Bilder einen Weg weisen: bewegte Bilder, die Assoziationen mobilisieren, gar Erinnerungen vergegenwärtigen, die – eingebettet in nur scheinbar eindeutige Beschreibungen – unsichtbar sind? Ist die Sprache, die es mit Luce Irigaray zu entdecken gilt, um ein Körper-an-Körper-Sein auszudrücken, vielleicht eine Sprache, die mehrdeutig kleidet? Eine Sprache also, die Unbeschreibbares zwischen den Kleidern – oder: zwischen den Worten – unmissverständlich zum Schwingen bringt?

In der Installation le corps-à-corps avec la mère (dt.: das Körper-an-Körper-Sein mit der Mutter) spannt sich ein seidener Faden durch den Raum. An ihm hängen neun zusammengewühlte seidene Negligés mit Löchern. Die Löcher sind mit einem weißen Faden nahezu willkürlich verknotet. Da die verknoteten Löcher in die zusammengewühlten Negligés eingefaltet sind, sind sie gleichwohl nur zum Teil oder gar nicht zu sehen: Sie sind verdeckt, versteckt in den Faltungen des Negligés.

In einer Videoinstallation werden neun weitere Negligés, die an einem seidenen Faden von einem Wind bewegt in einem leeren Raum hängen an die Wand projiziert. Jedes Negligé weist im Bauch- und Brustumfeld ein Loch auf. Es gibt kleinere Löcher und größere; das in der Mitte hängende Negligé weist auf Bauchhöhe ein überdimensionales Loch auf.

Die neun zusammengewühlten Negligés nehmen parallel zum projizierten Bild Raum ein, wodurch sie Schatten auf das Video werfen. Sie baumeln auf gleicher Höhe wie die Löcher in den projizierten Negligés. So kann der Eindruck entstehen, diese würden dunkle Flecken aufweisen – wie Löcher oder Abgründe, die sich auftun. Die anmutenden Löcher, die Abgründe auf den projizierten Negligés, sie sind nichts anderes als die Schatten der inzwischen verknoteten und zusammengewühlten. Es sind dieselben neun Negligés, deren Anzahl entsprechend den neun Monaten einer Schwangerschaft, nur Zeit und Raum haben sie verändert. Wehten die einstigen im Wind, während sich deren Löcher mit der Bewegung verflüssigten, so baumeln die zusammengewühlten, verknoteten an einem seidenen Faden.

Die Frage stellt sich, ob die projizierten Negligés Mutterkörper symbolisieren, und in einem Körper-an-Körper die realen Negligés Tochterkörper. Oder ist es umgekehrt? Oder sind beide Bildebenen, die projizierte und die reale, mit der Mutter zu identifizieren? Wirft die reale Mutter – zusammengewühlt, ihre Löcher verknotet, eingefaltet in der Zusammenwühlung – Schatten auf die projizierte? Reißen dabei die Schatten der realen Löcher Abgründe in die ursprünglichen Öffnungen, die sich einst mit dem Wind bewegten?

Der seidene Faden, der sie verbindet, er ist unsichtbar – und doch geht er von einer zur anderen über. Dazwischen sind wir, die unsere Schatten auf ein corps-à-corps-avec-la-mère werfen, respektive auf unsere Mutter.

 

[1] Luce Irigaray: Körper an Körper mit der Mutter. In: Dies.: Genealogie der Geschlechter. Freiburg: Kore, Verlag Traue Hensch 1989, 25-46

[2] Ebd., S. 42