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Elf elfenbeinweiße tönern anmutende Keuschheitsgürtel hängen mittels Hosenträgern aus elfenbeinweißer Spitze an stählernen Kleiderbügeln im Raum. In die durchaus zerbrechlich wirkenden Keuschheitsgürtel ist als schwarzer Schriftzug ein me# im Bereich der Scham eingraviert.

Auffallend zeigen sich die unterschiedlichen Flächen der Objekte: Innen glatt, nahezu geschmeidig und mittels Glasur glänzend, weisen sie außen eine stark strukturierte raue Oberfläche auf. Einkerbungen, Überlappungen, geflickte Risse … – ein Relief. Durch ihre Ambivalenz von Fragilität und Stabilität sprechen die anmutenden Keuschheitsgürtel die Verletzlichkeit und die Souveränität des Körpers an.

Judith Klemenc schafft mit ihren elf keramischen Abformungen ihres Beckens Körper, die zwar verletzlich sind, aber in dieser Verletzlichkeit eine Souveränität in sich tragen. Weder laden sie einen Opfer-Status ein, noch weisen sie ihn zurück, noch lehnen sie sich an eine Defizitperspektive auf Verletzlichkeit an. Vielmehr transportieren sie ein Verhältnis aus Fragilität und Stabilität, in dem sich der Körper nahezu verflüssigt. Dieser Eindruck eines verflüssigten Körpers potenziert sich durch die Abwesenheit des Körpers. Was sich da zeigt, sind zwar Abformungen eines weiblichen Körpers, der nahezu greifbar ist, doch: Er ist nicht da. Wir können von einem fluiden Körper sprechen, der sich zwischen den Objekten allein in der Vorstellung verfestigt. In seiner Abwesenheit respektive in seiner Hülle wirkt er imaginär als Körper, der nicht ist.

Die Hosenträger suggerieren in einem sprichwörtlichen Jargon: Sie hat die Hosen an. Doch auch die Hosenträger weisen in ihrer Materialität – elfenbeinweiße dünnhäutige Spitze – auf die Ambivalenz von Fragilität und Stabilität hin. In ihrer Funktion des Haltens verbinden sie Verletzlichkeit und Souveränität. Doch halten sie die Körper nicht nur aus, sondern auch in der Schwebe. Die stählernen Kleiderhaken, an denen die Hosenträger – mit ihnen die Körper – hängen, nehmen jene Bedeutung an, die Judith Klemenc der Sprache zuteilt. Die Kleiderhaken hängen wie stählerne Begriffe an durchscheinenden Fäden, die den Raum netzartig durchspannen. Dazwischen, mittendrin und gleichsam an Knotenstellen, haken sich die Körper ein, die Verletzlichkeit mit Souveränität vereinen. Anders ausgedrückt: An den Knotenstellen des kaum wahrnehmbaren Netzes im Raum eröffnet sich der Körper in seiner Fragilität und Stabilität. Es ließe sich von einer Körper-Installation sprechen, die einen Umgang mit dem Körper vergegenwärtigt, der ihn nicht wegrationalisiert, sondern ihn als Öffnung für Verletzlichkeit und Souveränität zugleich versteht.

#metoo und der Körper
Mit dem Hashtag metoo (#metoo) wurde überdeutlich, dass sexualisierte Gewalt an Frauen kein individuelles Problem ist, sondern ein gesellschaftliches. Es besteht ein gesellschaftliches Macht- und Ungleichverhältnis zwischen den Geschlechtern, das sich in sexualisierten Übergriffen widerspiegelt. Oder, anders formuliert: Sexualisierte Übergriffe geschehen vor dem Hintergrund eines tradierten binären hierarchischen Geschlechterverhältnisses, das den Körper der Frau und den Logos dem Mann ein- und zuschreibt. Das Verhältnis zwischen Körper und Logos ist ein nicht weniger binäres, hierarchisches: Es gilt, den Körper in Gewalt zu haben, nötigenfalls mit Gewalt. Je mehr Logos, desto weniger Körper. Je mehr Körper, desto weniger Logos oder Verstand.

Je mehr Körper den Menschen ein- und zugeschrieben wird, desto weniger scheinen sie des Sprechens würdig befunden zu werden. Das Sprechen ist an einen Logos gebunden, der über das Recht zu leben und die Macht zu sterben bestimmt. Es ist das Wort, das lebt, und es ist der Körper, der stirbt – oder zu sterben hat. Je mehr Wortgewalt, desto unsterblicher.

Es sind die anderen, die einen Körper haben, es sind die anderen, denen ein Körper ein- und zugeschrieben wird, es sind die anderen, die sterblich sind. Wir und die anderen. Dieses tradierte Wir ist männlich, weiß, heterosexuell, nicht-behindert, christlich sozialisiert, arbeitend, beerbt. Es ist gewiss nicht: weiblich oder schwarz oder homosexuell oder behindert oder nicht-christlich sozialisiert oder nicht-arbeitend oder nicht-beerbt. Dies gilt umso mehr, wenn statt dem „oder“ zwischen den Ein- und Zuschreibungen ein „und“ als verbindendes Element platziert wird. Die Kriterien einer tradierten Wir-Zugehörigkeit sind für die meisten Menschen nicht erfüllbar. Unter anderem die (queer-)feministische Bewegung kämpft(e) dafür, dass nicht nur die Kriterien selbst hinterfragt und widerlegt werden, sondern mithin binäre Verhältnisse, die Subjekte und Nicht-Subjekte konstituieren, als solche.

Es sprechen die Subjekte im Namen des Wir, es schweigen die Nicht-Subjekte respektive haben sie zu schweigen im Namen des Nicht-Wir. Wie bereits die Benennung als Nicht-Wir deutlich macht, sind die darin subsumierten Nicht-Subjekte individualisiert. Sie haben keine Sprache, um miteinander zu sprechen, sie haben keine Sprache, um voneinander zu sprechen. Fraglos haben sie nicht das Recht, im Namen des Wir zu sprechen, ihr Sprechen ist immer eines gegen das Wir. Selbst wenn scheinbare Nicht-Subjekte bemüht sind, in ihrem Sprechen die konstitutionellen Bedingungen des Subjekt-Seins mitzudenken, mitzusprechen – um gleichsam nicht gegen andere, sondern miteinander zu sprechen –, wirkt dieses Sprechen für ein tradiertes Wir bedrohlich. Was dabei bedroht wird, sind nicht nur die individuellen Subjekte, sondern ist auch das Wir, das für Ordnung sorgt.

Nun, die Bewegung #metoo würde meine Ausführungen vielleicht widerlegen. Das Argument könnte lauten, dass mit dem Hashtag metoo sehr wohl scheinbare Nicht-Subjekte sprachen, gar im Namen eines Wir das Wort ergriffen. Wagemutig würde ich allerdings erwidern: Nicht von ungefähr eröffnet #metoo den Raum des Sprechens für Frauen, die von sexualisierter Gewalt betroffen sind, zu einer Zeit, in der Menschen mit Flucht- und Migrationshintergrund offenbar eine Gefahr für ein tradiertes Wir darstellen. Ich bin geneigt zu behaupten, dass sich mit den Fluchtbewegungen auch der Körper verändert hat: Wurde zuvor die Frau mit dem Körper identifiziert, ist es nun der Mensch mit Flucht- und Migrationshintergrund. Es hat sich gleichsam der Körper verschoben, der Körper ist nun vorrangig männlich, dunkel, heterosexuell, nicht-behindert, nicht-christlich sozialisiert, nicht -arbeitend, nicht-beerbt. Er hat sich nicht nur verschoben, er hat sich als „fremder Mann“ verkörpert. Er ist mithin nicht nur materialisierter Körper, sondern gilt als materialisierte Bedrohung. „Wer fürchtet sich vorm schwarzen Mann?“ – das ist kein Spiel mehr, auch keine Frage, sondern Realität.

Es sind vornehmlich weiße, heterosexuelle, nicht-behinderte, christlich sozialisierte, arbeitende, beerbte Frauen, die im Namen von #metoo gehört wurden. Es soll nicht nur am Rande erwähnt sein, dass auch andere sich laut zu Wort gemeldet haben, doch nicht alle wurden gleichermaßen angehört. Meine Aufmerksamkeit gilt den angehörten Stimmen von #metoo. Sie, so behaupte ich, kamen im Namen eines neuen Wir zu Wort. Wenn sich der Körper verschoben hat, und mithin das Wir, so ist anzunehmen, dass sich dieses neue Wir ebenfalls als ein verschobenes repräsentieren muss. Denn wie sollte eine Veränderung in binären hierarchischen Verhältnissen anders möglich sein als in einem Aufschrei: Wir sind nicht mehr das alte frauendiskriminierende Wir, sondern ein gleichberechtigtes Wir! Das neue Wir ist durch #metoo gleichberechtigt, das ist mehr als begrüßenswert. Doch hat es genauso wenig Körper wie zuvor. Übrig bleibt ein weißer Keuschheitsgürtel. Zerbrechlich ist er, und doch mobilisiert er die Kastration des Körpers als Bedingung für ein Sprechen. Ein körperliches Sprechen bleibt der Scham verhaftet.

#meetoo, #me, me#
Wenn wir die vorigen Ausführungen über #metoo mit der Installation me# zusammendenken, so konkretisiert sich in der Arbeit von Judith Klemenc eine feministische und rassismuskritische Haltung zu #metoo. Sie kritisiert zum einen die Viktimisierung von Frauen, zum anderen die Dämonisierung von Menschen mit Flucht- und Migrationshintergrund. Es sind elf elfenbeinweiße fragile und stabile Objekte, die in der Rückbezüglichkeit eines Me auf in der Schwebe gehaltene Körper verweisen, die verwundbar und doch souverän an einen gewesenen Körper erinnern. (Danach schließt sich ein # an, sodass sich das Eröffnende nicht im Zuge des Me, sondern nach einem Me als ein Unbestimmtes auftut.) Und ganz bestimmt: Es war ein Körper, der als Vorlage für die elf fragilen Objekte diente.

Was das Me angeht, ist es als ein rückbezügliches Ich zu verstehen, das sich in einem Verhältnis zu sich selbst ausdrückt. Es behauptet sich nicht als ein Ich, sondern setzt sich in Beziehung dazu, vornehmlich in eine reflexive. Diesem Me ist gleichsam eine Selbstreflexivität und Selbstreferentialität eingeschrieben. Beides kann auch als Aufforderung interpretiert werden, sich mit sich selbst in Beziehung zu setzen – und zwar nicht nur in jenen Momenten, in denen es um eine Form der (eigenen) Geschlechtlichkeit geht.

Kühn legt es die Künstlerin darauf an, die Verletzlichkeit von Geschlechtlichkeit nicht in einer Viktimisierungshaltung zu thematisieren, sondern sie als Chance wahrzunehmen: als Chance, sich in ein Verhältnis zur eigenen Geschlechtlichkeit beziehungsweise Scham zu setzten, um … – ja, um was? Der kollektiven Leseart des Hashtags folgend, versammeln sich in ihm Begriffe, Bedeutungen, gleich einem Ankerpunkt, an dem sich Sinn auftut. Dann aber kommen wir nicht umhin, ein me# anders zu lesen als ein #me, das praxisüblich wäre. Wenn ein #me Sinn in unterschiedlichen Weisen darstellt, so verweist ein me# auf ein Unbestimmtes. Die Aussage der beiden ist nahezu diametral, denn: In einem me# ist der Sinn weder bestimmt noch bestimmbar; in der Installation me# transportiert der Hashtag als Gravur der Scham eine Bedeutung, der zufolge Scham respektive Geschlechtlichkeit das Unbestimmte und Unbestimmbare bergen. Me# eröffnet Selbstreflexivität und Selbstreferentialität; me# lädt dazu ein, in Beziehung zu sich selbst einen Sinn für das Unbestimmte und Unbestimmbare zu entfalten.