sarg-brut-kasten

installation. 2012. wood, metal, fabric, rubber

Uns zitternden, aufgeschürften, angstvollen, bebenden Körper, uns ist nichts sicherer als der Tod. Und jetzt in diesem Augenblick des Lebens, eines Lebens – strömt nicht gerade jetzt mit großer Sicherheit ein Atem hinein und hinaus aus dem Körper? Schlägt nicht das Herz, jetzt in diesem Augenblick des Lebens, eines Lebens?

sarg-brut-kasten zeigt andere Körper. Körper nämlich, die in klar umrissenen Konturen eingesargt sind. Reglos. Sprachlos. Fort. Und gleichzeitig da. Ausgestellt. Unberührbar. Tot. Mè mou haptou.[1] An wen adressiert sich dieser Imperativ: Berühre mich nicht? Halte mich nicht fest?[2] An den lebenden oder an den toten Körper?

Die Toten sind immer da. Wir gedenken der Toten. Wir denken viel an sie. Wir vergessen sie und wir rufen sie uns wieder ins Gedächtnis. Bitten wir sie dabei nicht insgeheim, sehr geheim vor uns selbst, dass sie fortbleiben? Verlangen wir nicht von ihnen, dass sie ihre Anwesenheit ab jetzt, ab dem Moment ihres Todes unserer Lesart überlassen? Garantierten sie uns nur, dass sie fortbleiben, könnten wir sie lesen, uns erinnern, von ihnen sprechen und träumen, schweigen, sie vergessen und sie herbeiwünschen – nur kommen dürfen sie nicht, nicht wiederkommen, denn wie sollten sie dann je wieder verschwinden? Kämen sie wieder, wäre nichts mehr sicher! Wäre der Tod nicht sicher, nichts wäre mehr sicher. So scheint es.

Wir brauchen die Entschiedenheit der Toten, dass sie bleiben, was sie sind. Judith Klemencs Arbeit zeigt unsere Not mit den Toten, die uns dazu bringt, sie einzusargen, sie festzusetzen. Gleichzeitig scheint uns die Künstler*in zu mahnen: verwechselt es nicht mit Produktivität, brütet so nichts aus. Es wird eine Todgeburt. Eine, die nie lebendig gewesen sein wird. Das Einsargen der Körper tötet – erst – die Körper.

Elisabeth Schäfer

[1] Die berühmt gewordene Szene des „Noli me tangere“ findet sich in JOH 20, 13-18. Siehe auch: NANCY, Jean-Luc: Noli me tangere. Diaphanes, Berlin 2008, S. 29.

[2] In der deutschen Einheitsübersetzung der Bibel wird übersetzt: „Halte mich nicht fest“, Luther hingegen übersetzte mit „Rühre mich nicht an“.