Flüchtlingsbilder

Ein paar Stunden zuvor sprach ich von Bildpolitiken. Von dieser Unmöglichkeit, Bilder zu schießen, ohne nicht direkt hineinzutreffen. In diesen blinden Fleck, der sich in jedem der Bilder spiegelt. In diesen Bildern über Flüchtlinge. Oder eben auch nicht. Wenn sie ihn treffen. Diesen blinden Fleck.

So wie das Foto von Massimo Sestini, Italien, das den 2. Preis in der Kategorie der Reportagen bei World Press Photo gewann.[1] Dieses Bild im starken Querformat, das ein voll besetztes Flüchtlingsboot inmitten des Ozeans zeigt. Dieses Bild, das von oben aufgefangen wurde, folglich von einer Aufsicht (Vogelperspektive) und in drei horizontale Teile gegliedert ist: Wasser – Boot – Wasser. Blau – bunt – blau.

Zu betonen ist, dass der bunte Teil, das voll besetzte Boot mit Blau, dem Meer, umrandet, umrahmt ist. Noch mehr zu betonen ist, dass der Bug des Bootes nach links weist. Aber darauf komme ich noch zurück.

Zuerst möchte ich den Blick auf das werfen, was wir als Erstes lesen, ohne dass wir wissen, was wir da lesen: ein Querformat und eine Aufsicht. Ein Querformat wirkt im Gegensatz zum Hochformat passiv. So lesen wir schon durch das Format, dass es sich um ein passives Sujet handelt. Da wird niemand aktiv, da kann gar niemand aktiv werden. Was die Aufsicht anbelangt, lesen wir, dass wir es sind, die auf dieses Sujet schauen. Wir haben die Aufsicht und das Sujet die Untersicht. Kurz, wir haben den Blick – und die Flüchtlinge nicht. Wir sind aktiv und sie passiv.

Was die horizontale Dreigliederung anbelangt, wird die Horizontale des Bildes verstärkt. Das Bild wird dadurch noch querformatiger, noch passiver, doch wird wiederum diese Horizontale durch den umrandenden Ozean abgegrenzt. Das heißt, dieses Blau wirkt als Rahmen, oder in diesem Fall: Das Boot sprengt fast den Rahmen. Fast. Es ist zu bunt, es ist zu viel, es ist zu unruhig. Der blaue Ozean fasst ein, fasst zusammen: Blau symbolisiert Harmonie, Vertrauen, Treue …

Gehen wir nun auf die Richtungsweisung des Bugs ein, ich sprach es zuvor an. Neben den schon beschriebenen Bildgrammatiken ist die Richtungsweisung im Bild wohl das markanteste Element, um Bilder zu lesen. Wir lesen sie, wie wir schreiben. Diesbezüglich ist die Schreibrichtung bedeutsam, die bei der lateinischen Schrift primär von links nach rechts und sekundär von oben nach unten ist. Sodass sie als eine waagerechte rechtsläufige Schrift definiert ist, hingegen die meisten semitischen Schriften, wie Arabisch und Hebräisch, waagrechte linksläufige Schriften sind: Sie werden primär von rechts nach links geschrieben. Spätestens an dieser Stelle wäre davon auszugehen, dass Menschen, die mit der semitischen Schrift vertraut sind, Bilder anders lesen, als „wir“ es zum Beispiel tun.

Wenden wir uns wieder der Bildrichtung zu, die mit dem richtungsweisenden Bug von rechts nach links zu definieren ist. So weist sie gegen die Schreibrichtung und ist in unserer westlichen Welt negativ konnotiert, auf die Vergangenheit verweisend. Positiv lesen „wir“ rechtsläufige Bildrichtungen; ein Verlauf von unten nach oben, auf den Anfang verweisend, intensiviert eine zukunftseröffnende Wahrnehmung. Von da aus erschließen sich Blickrichtungen, Handrichtungen, Körperrichtungen in Bildern. Wenn der Blick einer Person zum Beispiel nach links unten gewendet ist, können wir davon ausgehen, dass „wir“ ihn weniger lebensfroh, lebensgewiss, lebenssicher, lebensvertrauend einlesen, als wir es tun würden, wenn er sich nach rechts wenden würde. In diesem Fall spielt der Blick auf den Anfang und auf das Ende keine unbedeutsame Rolle: Ist er nach oben gewendet, verheißt er Hoffnung, ist er nach unten gewendet, hat man ein Ende im Blick.

Gerade eben (inzwischen ist es schon Samstagmorgen, 30.4.2016) las ich im „Standard“ über den Fotografen Daniel Etter, der für seine Aufnahmen irakischer Flüchtlinge den Pulitzer-Preis gewann. Ich studierte seine Homepage, um seine Arbeiten zu lesen: Sämtliche abgebildeten Flüchtlinge schauen nach links unten. Dies am Rande, und nicht weniger sei am Rande auf die Wahlplakate verwiesen: wer da im Blick hat und wer nicht.

Doch ich schweife wieder ab, zurück ins Boot, zu diesem übervollen Flüchtlingsboot: Es weist nach links, es weist in das Vergangene, es weist nicht in die Zukunft, da ist keine, da ist nur die eine Richtung markant: zurück. Und mittendrin ist die Blickrichtung der Flüchtlinge festzumachen: nach oben. Ich erwähnte es schon: Der Blick nach oben wird als ein hoffnungsvoller gelesen.

 

(Dieser Text wurde in den AEP-Informationen Heft 2/2016 publiziert.)

 

[1] http://www.worldpressphoto.org/collection/photo/2015/general-news/massimo-sestini (Zugriff: 18. 10. 2016)