Lorena Rape gequeert

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„In meinen Augen das schönste Model, auf eine eher mehr natürliche Weise.“ So eine Schülerin von mir, die nächsten Freitag bei mir maturieren wird. Diese Aussage entnahm ich ihrem Portfolio, das sie zur heurigen Semesterarbeit gestaltete. Es soll erwähnt sein, dass ich aufgrund der neuen Maturaordnung damit konfrontiert war, 36 Aufgabenstellungen zu entwerfen, wovon ich keinen unbedeutenden Teil aus den Semesterarbeiten meiner Schüler_innen, die sie zu den Themenbereichen

Haut – Mode
Diversität – Politik
Religion – Spiritualität und
Körper – Sexualität

 

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entfaltetet hatten, herausarbeitete. Wohl aus dem drängenden Bedürfnis heraus, dass meine Schüler_innen künstlerische Bildungsprozesse erfahren und nicht ein Wissen über Kunst konsumieren müssen, um in Bildnerische Erziehung maturieren zu können – um Bildnerische Erziehung in der Bildungsinstitution Schule als ein Fach zu wahren, in dem Welt- und Selbstverhältnisse neu und anders ausverhandelt werden können.

Aber zurück zur Schülerin, die ihre Arbeit mit „Darin_Daraus“ betitelte. Vorerst möchte ich mich auf diesen Satz konzentrieren, der zum einen Lorena Rape als das schönste Model beschreibt, und das Model zum anderen in einer natürlichen Weise identifiziert. Ich komme nicht umhin, bei dieser Verknüpfung von Model und einer natürlichen Weise zu stocken, ja, kurz den Atem anhaltend, was da angesprochen wird. Da wird ein Model mit einer Natürlichkeit zusammengebracht, und unweigerlich stößt mir dieses Natürliche auf. Warum? Weil dieses Natürliche von jeher eine Bestimmungskategorie ist, von der aus etwas als normal oder als abnormal gehandhabt wird, folglich ein „von Natur aus Gegebenes“ unabkömmlich als gegeben angenommen wird und in Hinblick darauf eine Hinterfragung, eine Irritation, eine Verschiebung schlichtweg unmöglich scheint.

Sie hören schon, ich ziele direkt darauf ab, ja, das tue ich, auf dieses „von Natur aus Gegebene“, das scheinbar unhinterfragbar eine Zweigeschlechtlichkeit und eine Heteronormativität konstituiert. Auch an dieser Stelle wäre es möglich, ein Warum einzuschieben, diesbezüglich weise ich auf Judith Butler hin, die in ihrer Publikation “Undoing Gender” (1991) – „Das Unbehagen der Geschlechter“ (1994) Sex (das biologische Geschlecht) von Gender (das kulturelle Geschlecht) unterschied und hinsichtlich dessen eine Performativität von Gender als eine Verschiebung von normativen Geschlechtsidentitäten vorschlug. Eine Drag-Politik, so wie sie in der Macht der Geschlechternormen beschrieben wird, eine, die in meinen Worten Handlungs- und Spielräume aufreißt, um Normalitätskonstruktionen zu verstören, zu verunsichern, sodass sich neue und andere Formen von Subjektivation ereignen können.

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Nun, an dieser Stelle lande ich vermutlich gerade inmitten meiner Forschungsarbeit: Kunstpädagogik im Spannungsfeld heteronormativer Bildpolitiken und der Vielfalt von Lebensformen. Inmitten darin lehre ich, reflektiere ich und nehme ich auch wahr, und ich meine zu erkennen, was sich da ereignet oder auch nicht. Ich erkenne auch nicht, oder sagen wir: Ich bin mit einem mir Nicht-Erkenntlichen konfrontiert, mit jenem, das sich mir nicht zeigt, nicht zeigen kann, weil mir der Blick dafür fehlt. Auch da könnte sich wiederum ein Warum auftun, und gern gehe ich darauf ein, weil es wohl die einzig mir ethische (Vermittlungs-)Haltung erscheint, um befremdende Andersheiten anzuerkennen.

In meiner Publikation „Begehren, Vermittlung, Schule. Suchende Erkundung dessen was auftaucht, während man tut“ machte ich ein Begehren nach Verwandtschaft mit befremdenden Andersheiten für künstlerische Bildungsprozesse fruchtbar, die ich als transformatorische signifizierte. Also Prozesse, die mit Koller gedacht den Vorgang beschreiben, bei dem neue Figuren des Welt- und Selbstverhältnisses entstehen, „weil sich etablierte Figuren angesichts neuer Herausforderungen als nicht mehr tauglich erweisen“1 , weil jene etablierten Figuren – anzunehmen, dass es sich hierbei um heteronormative handelt – in einem Begehren nach befremdenden Andersheiten instabil werden. Sie werden brüchig, etwas bricht, reißt in der Mitte durch, und mittendrin taucht etwas auf, das einen Prozess des Andersdenkens oder Anderswerdens (Koller, 2012) evoziert.

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Es würde also heißen, ein Fremdwerden zu begehren, um anders zu werden, um kollektive Vorstellungen von Realität infrage zu stellen und neue Formen von Realitäten einzuführen. Es würde heißen, mit dem, was auf eine natürliche Weise erscheint, zu brechen, gar zu durchbrechen. Oder auszubrechen. Was aber nicht heißen soll, aus der symbolischen Ordnung auszubrechen, die das Subjekt instituiert. So wäre es wohl bedeutsam hinzuzufügen, dass mit Lacan die Sprache die symbolische Ordnung konstituiert. Diesbezüglich nimmt der Phallus, der reine Signifikant ohne Signifikat, seine signifizierende Bedeutung für das Subjekt ein, dessen Bedeutsamkeit er sich aber entzieht. Nun haben wir da die Sprache, die symbolische Ordnung, das Subjekt und den Phallus.

Nicht von ungefähr nenne ich jene in einem Atemzug, und dies ist nicht weniger von Belang, auf einer lacanianischen Folie, auf der eine weibliche Subjektposition im Vorhinein ausgeschlossen ist (Tove Soiland 2014). Ich sollte wohl ergänzend hinzufügen, dass das Subjekt mit Lacan ein gespaltenes ist, das heißt, dass es im Eintritt der Sprache – der symbolischen Ordnung – jenen Teil von sich abspaltet – Lacan spricht vom Objekt klein a –, das es im Spiegel seines Unterbewussten2   im großen Anderen zu überwinden versucht. Ja, danach begehrt das Abgespaltene im Anderen zu überwältigen. Wesentlich ist an dieser Stelle die Aussage Lacans, dass das Andere nur das andere Geschlecht sein kann3. Sodass das Begehren unumgänglich als ein phallozentrisches, heteronormatives zu wähnen ist.

Nicht weniger relevant ist es, dass mit Lacan das Subjekt aus der Frage gebaut ist und die Antwort das Bild4 im Anderen imaginiert. Nun haben wir es mit heteronormativen Bildpolitiken zu tun, und da wird es für eine Kunstpädagogik im Kontext der Geschlechterforschung interessant, weil dort das Visuelle ins Spiel kommt, Sichtbarkeiten, sowie das, was halb und unsichtbar scheint. Ja, durchscheint, durch dieses Sichtbargemachte, und Sie können es ahnen, ich spiele auf meinen Blick von zuvor an, als ich meinte, ich erkenne und erkenne auch nicht.

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Ich komme zurück auf dieses Brechen, das ich erwähnte, zu dieser Stelle, an der ich meinte, dass es nicht heißen sollte, aus der symbolischen Ordnung auszubrechen, nein, es soll heißen, mit einem phallozentristischen Begehren zu brechen, um ein Begehren zu leben, das nicht im Bild des Anderen den eigenen Mangel zu überwinden versucht, sondern nach Verwandtschaft mit befremdenden Andersheiten verlangt. Und dies ist ein wesentlicher Unterschied, weil es heißen würde, die Ausschlüsse und Verworfenheiten möglicher Subjektformationen anzuerkennen, gar das Unerkenntliche, das Halb- und Unsichtbare, das, was immer von Neuem durch das, was sichtbar gemacht wird, unsichtbar wird. Genau an diesem Punkt mache ich künstlerische Bildungsprozesse evident, Bildungsprozesse, in denen das Bild nicht als Antwort agiert, sondern als Frage. Das Bild fragt, befragt, oder konsequenter ausgedrückt: Das Bild ist die Antwort, die das Subjekt infrage stellt, oder wohl noch treffender, dass die eigenen Verworfenheiten und Ausschlüsse möglicher Subjektformationen die Antwort sind.

In diesem Moment, in dem wir anerkennen, dass befremdende Andersheiten uns antworten, um uns infrage zu stellen, unsere Subjektposition fragwürdig machen, sind es auch wir, die mit Bildern neue und andere Welt- und Selbstverhältnisse (er)finden. Womöglich die Bilder anders anschauen, vielleicht von hinten oder von der Seite, sie ein wenig verschieben oder auf den Kopf stellen, sie andernorts ansiedeln, kurz: uns ihnen aus verschiedenen Perspektiven aussetzen und nicht minder wir auch sie. In diesem kurzen Augenblick, in dieser Explosion von Fragen, werden wir verunsichert und verletzlich. Wir werden uns fremd. Ich vermute, oder hoffe es, dass diese Momente der Selbstunvertrautheit, die wir vertraut verfehlen, einigen von uns derweilen nah sind. Sodass wir nicht nur den Blick auf Bilder des Anderen für Selbstbefremdungen öffnen, sondern vor allem dass die Bilder des Anderen etwas davon sprechend machen, von dem vermeintlich nicht gesprochen werden kann. Sie würden wohl von Verletzlichkeiten sprechen, sie würden treffen, uns betreffen, wir wären wohl Ge- und Betroffene.

An dieser Stelle würde ich nun auch auf postkoloniale Theorien verweisen, auf das Potenzial künstlerischer Prozesse, um Selbstbefragungen zu entfalten, die auf die Frage von Spivak – “Can the Subaltern Speak?” – antworten.

Doch wende ich mich hier wieder heteronormativen Bildpolitiken zu, gewiss mit dem Hinweis, dass es sich bei meiner Be_frag_ung von Geschlecht nicht minder um eine postkoloniale handelt.

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Ich wende mich diesem Bild von Lorena Rape, eingefasst in dieser symbolischen Ebene, zu. Ich wende mich allerdings vor allem dieser Stelle zu, an der sich zwei feministische Positionen auftun und auch scheiden. Zum einen jene, die das Subjekt als ein männliches bezeichnet und von da aus strukturelle, patriarchale Macht-, Ungleich- und Gewaltverhältnissen zwischen Männern und Frauen kritisiert, und zum anderen jener, die heteronormative binäre Subjektkonstruktionen kritisiert, und an eine Vielfalt von Geschlechtsidentitäten appelliert. Diese queer-feministischen Kritiken richten sich nicht minder auch an die erstgenannte feministische Position, da jene einer Geschlechterbinarität verhaftet bleibt, und von da aus Machtungleichheiten reproduziert. Aus der Perspektive der sexuellen Differenz hingegen ist der Überwindung einer Zweigeschlechtlichkeit auch eine Deartikulation von geschlechtlicher Ungleichheit inhärent.

Betrachten wir nochmals dieses eingebettete Bild von Lorena Rape – da zeigen sich beide feministischen Positionen, oder wohl eher: Da tut sich das Missverständnis auf, dieses differente Verständnis von Identität und Subjekt. Da zeigt sich, dass das Subjekt auf einer geschlechterdifferenzierten Folie in patriarchalen Strukturen eingebettet ist, und nicht minder, dass es nicht zwangsläufig so ist, dass diese Formung normative Geschlechtsidentitäten hervorbringen muss.

Da ist nicht nur etwas durchgefallen, da ist auch eine Öffnung, die auch anders und neu gefüllt werden kann – oder auch nicht.

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Da, wo die Schülerin das Bild von Lorena Rape projizierte, die für die meisten Jugendlichen das Frauenschönheitsbild verkörpert, da setzte sie zwar die Umrisse, machte sie markant auf dieser symbolischen Ebene, schnitt allerdings ihr Vorbild, wie sie schreibt, aus.

In meinen Worten schnitt sie ein heteronormatives Begehren und machte ein Begehren nach einer Verwandtschaft mit befremdenden Andersheiten evident. Sie schnitt, brach – ja diese Rigipsplatte lässt sich auch brechen – ihr Vor_Bild heraus. Sie öffnete gleichsam ihre Projektion für etwas, das noch diffus, nicht greifbar, gar befremdend sein könnte. Etwas, das sich erst im Nachhinein zeigen und sich in Hinblick darauf ereignet haben würde. Dieses Etwas, das sich ereignet, eine Verwandtschaft mit befremdenden Andersheiten.

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Mit Engel durchkreuzte sie ihre Verwandtschaft, stellte sich der Ambiguität zwischen Selbst und Anderem, zwischen Subjekt und Objekt, zwischen Eigenem und Fremdem5. Sie widerstand einem Subjekt-/Objekt-Begehrensverhältnis, „demgemäß sich das Subjekt des Begehrens durch die Aneignung des Subjektes zu vervollständigen sucht“6. Wir könnten von einem Begehren in Bewegung sprechen, von einem feministischen queeren Begehren, das in „sozialen Beziehungen klare Grenzziehungen zwischen Selbst und Anderem unterläuft und dem Eigenen/Fremden begegnet“7, diesem Etwas, das ich mit Butler auch als die verworfenen und ausgeschlossenen möglichen Subjektformationen interpretiere.

Wir könnten nun fragen, ob es in diesem Fall bedeutsam war, dass es sich bei Lorena Rape als Vorbild der Schülerin um eine Frau und nicht um einen Mann handelte, und bedingungslos würde ich darauf mit Ja antworten. Nicht zuletzt begründet sich dieses Ja aus meiner jahrelangen Lehrtätigkeit in Bildnerischer Erziehung, in der ich immer wieder neue und andere Unterrichtskonzepte er-fand, um Schüler_innen dazu zu ermutigen, ihrem Fremden/Eigenen zu begegnen, Welt- und Selbstverhältnisse neu und anders auszuverhandeln. Ich komme nicht umhin, nicht nur aufgrund meiner feministischen Positionierung, dass es unumgänglich ist, ein heteronormatives Begehren zu unterlaufen, Bilder ins Spiel zu bringen, die Schüler_innen mit ihrem Fremden/Eigenen konfrontieren, und zwar nicht in dem Anderen, das – ich vergegenwärtige – mit Lacan das andere Geschlecht ist, sondern mit ihrer eigenen normativen Geschlechterzugehörigkeit.

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Diesen Bildpolitiken, denen sich Schüler_innen unterwerfen – mir fallen unweigerlich die Worte der Schülerin ein, die erklärte: „Ich finde das zwar scheiße, dieses Schönheitsbild, aber ich unterwerfe mich trotzdem.“ Also geht es darum, diese Vor-Bilder nicht als Antwort einzulesen, sondern als Frage. Als Frage, wie sie sich ausschneiden lassen, wie sie sich für ein Eigenes/Fremdes öffnen lassen, wie mögliche Subjektformationen daraus werden könnten, wie, so würde es heißen, beide feministischen Positionen sich in ihren Kritiken ernst nehmen, gar einen Modus erfinden, der Subjekt und Identität zusammenführt. Folglich werden Spiel- und Handlungsräume eröffnet, in denen spezifische Welt- und Selbstverhältnisse im Spannungsfeld von normativen Subjektkonstruktionen, die, ich wiederhole die Schülerin „auf natürliche Weise erscheinen“, und der Vielfalt von Lebensformen ausverhandelt werden könnten.

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Sie ging, unsicher vorerst, so schien es mir, doch mit einer wachsenden Selbstgewissheit mittendurch, ja, Sie sehen, ihre Bewegungen wurden schneller, selbstvertrauter durch diese Öffnung, und nein, sie passte sich nicht an, unterwarf sich nicht, mitten hindurch, und daneben ihr Lachen – ich mag dieses Wort, es beinhaltet ein Da und ein Neben –, ich mag auch dieses Lachen, dieses befreiende und auch ein wenig unbeholfene Lachen. Schauen Sie genauer hin, ihre Subjektformationen sind mehrdeutig, vielseitig.

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Literaturbelege

  1. Hans Christoph Koller: Bildung anders denken. Einführung in die Theorie transformatorischer Bildungsprozesse, Stuttgart:
    Kohlhammer 2012, S. 89
  2. Vgl. Jacques Lacan: Schriften II, Berlin: Quadriga Verlag 1986, S. 51
  3. Jacques Lacan: Seminar XX – Encore, Weinheim, Berlin: Quadriga 1986, S. 44
  4. Vgl. Peter Widmer: Subversion des Begehrens. Jacques Lacan oder Die zweite Revolution der Psychoanalyse, Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag 1990, S. 35
  5. Antke Engel: Verwandtschaft durchkreuzen – Die Politik des Inzest als gewaltsame Regulierung des Sozialen. In: Martin Schneider, Marc Diel (Hrsg.): Gender, Queer und Fetische. Konstruktion von Identität und Begehren, Hamburg: Männerschwarm Verlag 2011, S. 120f.
  6. Ebd., S. 122
  7. Ebd.