dunkler ton

Genug.

Genug des Sprechens über.

Genug des Sprechens ÜBER.

Genug des Sprechens-Über.

 

Genug des einstimmigen Sprechens über Geschlecht, Sexualität, Religion, Herkunft und Besitz.

Genug des einstimmigen Sprechens über marginalisierenden Strukturkategorien.

Genug des einstimmigen Sprechens.

 

Das Tanzen darin und daraus.

Das Spielen in drei Stimmen.

Das Sein in einer Stimme, die scheinbar ohne Stimme ist, da sie durch die Wissensproduktion des Sprechens-Über überhört wird.

 

Mit einem dunklen Ton wird ein mehrstimmiges Sein virulent, aus dem hervorgeht, dass Nicht-Artikulierbares und Nicht-Vernehmbares ohne Sprache ist. Dass jeglicher Anspruch, Subalternen[1] eine Stimme zu geben, sich genau auf jene Strukturkategorien stützt, die Subalterne zu Subalternen machen. Dass ein vermeintliches subalternes Sprechen nicht nur ein kollektives Sprachregime und Spracharchiv ignoriert, sondern jenes naturalisiert.

Mit einem dunklen Ton wird nach einem möglichen Ausdrucksraum für Sprachloses auf drei Ebenen gesucht:

  • auf einer spiegelnden,
  • auf einer betroffenen,
  • auf einer intellektuellen Ebene.

In einem Pendant zu

  • einem Symbolischen[2],
  • einem Imaginären,
  • einem Realen.

Diese drei Ebenen kommen durch drei Stimmen einer fiktiven Frau zur Sprache. Einer Frau, die in ihrer ersten Stimme ihre Erfahrungen in einer Anderen spiegelnd vertont, in einer zweiten Stimme von ihren Erfahrungen be- und getroffen spricht, und in einer dritten Stimme darin und daraus feministisch-intellektuell kommuniziert.

Konkret handelt es sich hierbei um eine fiktive Frau, die mit ihrem Vater in ihrer Jugend nach Österreich floh, als ihre Mutter beim Pogrom in Maraş 1978 auf gewaltsame Weise umkam. Es sind jene staatlich organisierten Gewaltverbrechen an Alevit_innen und Kurd_innen, die sie als Räume im Dunkeln beschreibt und darin und daraus drei Stimmen entbindet, um sich gleichsam von ihren dunklen Erfahrungen zu entbinden. Diese drei Stimmen – eine spiegelnde, eine betroffene, eine intellektuelle – sind es, die versuchen, Sprachloses mittels eines dunklen Tons zu vermitteln.

Dieser Versuch wurde mehrstimmig mit einem dunklen Ton zur Sprache gebracht – in Form einer mehrstimmigen Performance und in Form einer Rauminstallation von keramischen dunklen Schalen.

Auf diese Weise wird der dunkle Ton zum melodischen und visuellen Vermittlungsträger von Nicht-Artikulierbarem und Nicht-Vernehmbarem. In dunklen tönernen Schalen sind Frauen mit hellen Linien skizziert, deren Hände und Beine über den Schalenrand hinausragen. Metaphorisch gesprochen wagen sie sich mit ihren Lebenslinien über den Tellerrand hinaus, um von etwas sprechend zu machen, über das nicht gesprochen werden kann. Von da aus wird nicht minder auf ein Außen und Innen angespielt, auf äußere und innere Stimmen, die sich gleichsam im literarischen Pendant in der Mehrstimmigkeit einer Frau widerspiegeln, deren Sprechen durch die Wissensproduktion des Sprechens-Über überhört wird.

Drei Stimmen, die mit einem dunklen Ton Raum finden. Drei Stimmen, die zum einen die Performance vertonen, und zum anderen das Gespräch im Anschluss daran betonen würden. So konzipierte ich es für den öffentlichen Raum[3]: die Performance und das Gespräch danach: drei Stimmen – eine intellektuelle, eine spiegelnde, eine betroffene  –, entbunden von der Stimme, tanzen, spielen und sind mit einem dunklen Ton, im Pendant dazu das anschließende Gespräch: drei Stimmen – eine akademische, eine politische, eine psychotherapeutische – sprechen dazu, entbunden von einer Stimme. Ich verwob gleichsam den roten Faden nicht nur in einem mehrstimmigen Sein, sondern nicht minder in den jeweiligen Stimmen: das Symbolische, das sich in der Performance als eine intellektuelle Stimme artikuliert, würde sich in/durch Paul Mecheril als eine akademische personifizieren, das Imaginäre als eine spiegelnde in der Performance, als eine politische im Gespräch durch Christine Baur, das Reale als eine betroffene, als eine psychotherapeutische durch Eva-Maria Kremsner, jeweils wiederum durch die Stimme, die alle drei Stimmen entbindet, dargestellt.

In der Performance durch die Stimme einer Frau, die in einer erhellenden Stimme feministisch-intellektuell kommuniziert, in einer färbigen Stimme ihre Erfahrungen in einer anderen imaginierend vertont und in ihrer dunklen Stimme von ihren Erfahrungen be- und getroffen spricht.

Im Gespräch durch die Stimme von Itta Tenschert, die das Sprechen bzw. das Schweigen nach der Performance hütete.

Performerinnen: Judith Klemenc, Gabi Plattner, Tanja Pidot und Asiya Fidan Yeter

 

[1] „Für Spivak sind die Subalternen vor allem die marginalisierten sozialen Gruppen, die auf sozialen Skala noch tiefer verortet werden und damit aus der Geschichtsschreibung (sowohl der Kolonisierer als auch der Kolonisierten) praktisch herausfallen. Der Fokus ihrer Analyse liegt dabei auf der Subjektposition der weiblichen Subalternen, die nach Spivak von einer doppelten Marginalisierung gekennzeichnet ist (ökonomisch und geschlechtlich) durch ein koloniales und einheimisches Patriarchat, in dem Frauen gefangen sind. […] Die Subalterne (Frauen) erscheint als Objekt ohne Stimme.“ (Url: http://transkulturalitaet.blogspot.it/2009/01/subalterne.html)

[2] Vgl.: „Jacques Lacan war wohl derjenige, der das Begehren als konstitutiv für eine Aufrechterhaltung von Subjekt erachtete. In seiner Darlegung von symbolischer, imaginärer und realer Ordnung erläuterte er das unmögliche Verhältnis von Subjekt und Begehren in der Verkettung aller drei Ordnungen, strukturiert nach einem Borromäischen Knoten.

  Das Symbolische signifiziert mit ihm die Ordnung der Sprache als ein System von Zeichen, der Macht und des „Gesetzes des Vaters“, welche das Subjekt hervorbringt und unterwirft. Das Imaginäre nimmt dabei jenen Raum ein, der das Subjekt in den Bildern des Anderen spiegelt, gleichsam durch die Sprache des Anderen dessen Selbstbild konstituiert. Was das Reale anbelangt, bezeichnet es den „unauflösbaren Rest“, der da im Symbolischen und Imaginären abfällt.“ (Judith Klemenc: Begehren, Vermittlung, Schule. Suchende Erkundung dessen, was auftaucht, während man tut. München: kopaed 2015, S. 58)

[3] Der öffentliche Raum lässt sich, wenn auch aus einer abendländisch-ethnozentrischen Perspektive, als ein kollektiver Raum festschreiben, in dem das soziale Verhältnis zwischen Individuum und Gesellschaft verhandelt wird. Gleichsam ist es jener Verhandlungsraum, in dem Menschen Beobachter_innen und Beobachtete_r sind, die soziale Rollen zuweisen, absprechen, wechseln, erfüllen … spielen, gleichsam drückt sich im Habitus eines Menschen individuelle und kollektive Erfahrungen in Form von Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsschemata aus. In diesem Sinne bietet der öffentliche Raum ein soziales Spielfeld, in dem Erfahrungen zwar hergestellt, durchbrochen, durchgesetzt und ausgehandelt werden, aber auch offenbar und beschreibbar werden können, um gleichsam das Verhältnis zwischen Individuum und Gesellschaft zu verändern.

 

 

 

Fotos: Monika K. Zanolin