dunkler ton


performance _ katalogpräsentation

Di, 24. 10. 2017. 19.00
Die Bäckerei, 6020 Innsbruck

 

Genug.

Genug des Sprechens über.

Genug des Sprechens ÜBER.

Genug des Sprechens-Über.

 

Genug des einstimmigen Sprechens über Geschlecht, Sexualität, Religion, Herkunft und Besitz.

Genug des einstimmigen Sprechens über marginalisierenden Strukturkategorien.

Genug des einstimmigen Sprechens.

 

Das Tanzen darin und daraus.

Das Spielen in drei Stimmen.

Das Sein in einer Stimme, die scheinbar ohne Stimme ist, da sie durch die Wissensproduktion des Sprechens-Über überhört wird.

 

Mit einem dunklen Ton wird ein mehrstimmiges Sein virulent, aus dem hervorgeht, dass Nicht-Artikulierbares und Nicht-Vernehmbares ohne Sprache ist. Dass jeglicher Anspruch, Subalternen[1] eine Stimme zu geben, sich genau auf jene Strukturkategorien stützt, die Subalterne zu Subalternen machen. Dass ein vermeintliches subalternes Sprechen nicht nur ein kollektives Sprachregime und Spracharchiv ignoriert, sondern jenes naturalisiert.

Mit einem dunklen Ton wird nach einem möglichen Ausdrucksraum für Sprachloses auf drei Ebenen gesucht:

  • auf einer spiegelnden,
  • auf einer betroffenen,
  • auf einer intellektuellen Ebene.

Diese drei Ebenen kommen durch drei Stimmen einer fiktiven Frau zur Sprache. Einer Frau, die in ihrer ersten Stimme ihre Erfahrungen in einer Anderen spiegelnd vertont, in einer zweiten Stimme von ihren Erfahrungen be- und getroffen spricht, und in einer dritten Stimme darin und daraus feministisch-intellektuell kommuniziert.

Konkret handelt es sich hierbei um eine fiktive Frau, die mit ihrem Vater in ihrer Jugend nach Österreich floh, als ihre Mutter beim Pogrom in Maraş 1978 auf gewaltsame Weise umkam. Es sind jene staatlich organisierten Gewaltverbrechen an Alevit_innen und Kurd_innen, die sie als Räume im Dunkeln beschreibt und darin und daraus drei Stimmen entbindet, um sich gleichsam von ihren dunklen Erfahrungen zu entbinden. Diese drei Stimmen – eine spiegelnde, eine betroffene, eine intellektuelle – sind es, die versuchen, Sprachloses mittels eines dunklen Tons zu vermitteln.

Dieser Versuch wird mehrstimmig mit einem dunklen Ton zur Sprache gebracht – in Form einer mehrstimmigen Performance und in Form einer Rauminstallation von keramischen dunklen Schalen.

Auf diese Weise wird der dunkle Ton zum melodischen und visuellen Vermittlungsträger von Nicht-Artikulierbarem und Nicht-Vernehmbarem. In dunklen tönernen Schalen sind Frauen mit hellen Linien skizziert, deren Hände und Beine über den Schalenrand hinausragen. Metaphorisch gesprochen wagen sie sich mit ihren Lebenslinien über den Tellerrand hinaus, um von etwas sprechend zu machen, über das nicht gesprochen werden kann. Von da aus wird nicht minder auf ein Außen und Innen angespielt, auf äußere und innere Stimmen, die sich gleichsam im literarischen Pendant in der Mehrstimmigkeit einer Frau widerspiegeln, deren Sprechen durch die Wissensproduktion des Sprechens-Über überhört wird.

In der interaktiven Performance aus der gleichnamigen Erzählung „Dunkler Ton“ wird eine Mehrstimmigkeit von dunklen Erfahrungen eröffnet. Eine Nicht-Einstimmigkeit des dunklen Tons, die in einem anschließenden partizipativen Gespräch um die Einblicke dreier eingeladener Diskutant_innen sowie des Publikums konzentrisch erweitert wird.

[1] „Für Spivak sind die Subalternen vor allem die marginalisierten sozialen Gruppen, die auf sozialen Skala noch tiefer verortet werden und damit aus der Geschichtsschreibung (sowohl der Kolonisierer als auch der Kolonisierten) praktisch herausfallen. Der Fokus ihrer Analyse liegt dabei auf der Subjektposition der weiblichen Subalternen, die nach Spivak von einer doppelten Marginalisierung gekennzeichnet ist (ökonomisch und geschlechtlich) durch ein koloniales und einheimisches Patriarchat, in dem Frauen gefangen sind. […] Die Subalterne (Frauen) erscheint als Objekt ohne Stimme.“ (Url: http://transkulturalitaet.blogspot.it/2009/01/subalterne.html)

Performerinnen: Judith Klemenc, Gabi Plattner, Tanja Pidot und Asiya Fidan Yeter

Diskutant_innen: Christine Baur: Landesrätin für Soziales, Integration und Frauenpolitik, Innsbruck. Judith Klemenc: Künstlerin und Autorin, Innsbruck. Eva-Maria Kremsner: Psychotherapeutin, Wien. Paul Mecheril: Professor für Migration und Bildung, Universität Oldenburg. Moderation: Itta Tenschert: Psychologin und Erwachsenenbildnerin, Innsbruck

Eine abschließende Publikation, in Form eines künstlerischen Kataloges, wird die verschiedenen Themen, die verschiedenen Stimmen, die verschiedenen Bilder – das Mehrstimmige – bündeln. Jene wird am 24. 10. 2017 in der Kulturbackstube Bäckerei im Gespräch mit Paul Scheibelhofer (Sozialwissenschaftler und Geschlechterforscher, Universität Innsbruck) präsentiert.

Fotos: Monika K. Zanolin