emeth

die mehransichten in den plastischen arbeiten von judith moser

ich habe frühe arbeiten von judith moser vor mehr als zehn jahren in innsbruck, als ich noch kunstgeschichte studierte, kennen gelernt. es waren arbeiten in pastellkreide auf papier, im format 50 x 70 cm (1990). in fragmenten waren partien eines weiblichen körpers mit energischen strichen wiedergegeben, ein den stereotypen Weiblichkeitsbildern entgegengesetzter entwurf. die herauslösung von sexualität leichtfertigen konsums, einen anspruch auf identitätsstiftende gefühle sah ich in diesen arbeiten reklamiert. in erinnerung ist mir vor allem die absonderung des kopfes vom körper und seine gesichtslosigkeit. form und ausdruck des gesichts, also die gesichtszüge und das mienenspiel als spiegel des menschlichen wesens und charakters waren ausgeklammert, ohne interesse an einer physiognomischen ähnlichkeit, sozusagen ein akt wider die faciale bilderflut. der verzieht auf physiognomische ähnlichkeiten oder gar das fehlen des kopfes als sinnbild des zentrums geistiger Iebenskraft und sitz des männlichen Iogos sah ich evoziert. die reflexion des weiblichen körpers – in all seinen facetten – ist als feministische position im schaffen von künstlerinnen, ich nenne nur maria lassnig, louise bourgeois und valie expert, seit den Sechzigerjahren ein durchgängiges thema.

die auseinandersetzung mit dem körper setzt sich in dreidimensionalen arbeiten, den plastiken fort. in losen gruppen situiert sind bis zu 50 tonkörper als installation kurzfristig verortet und stellen als neu gebildete einheit mehr als die summe ihrer teile dar. in ihrer freien anordnung, an kein vorgegebenes gliederungsprinzip gebunden, entsteht ein kommunikatives geflecht, das auch die dazwischenliegenden leerräume einbindet. in ihrer gestischen rhythmik wecken die anthropomorphen, quasi-abstrakten formen eine vielzahl von assoziationen. ich bin versucht, sie anzugreifen, in die hand zu nehmen, die raue, unglasierte eberfläche zu berühren. ich frage mich: sind sie kalt oder warm, sind sie schwer oder leicht, hülle oder fülle? die nähe zum material ist nicht nur im ergebnis, auch im prozess der gestaltung evident. schicht für schicht ist das gemisch von schamott und ton aufgezogen, wird ein imaginäres, verborgenes inneres mit stofflichem belebt. die hohle innenform, einer dunkelkammer gleich, bildet gleichsam eine undefinierbare essenz, kein geschwätz von seele und spiritualität findet hier platz, es ist vielmehr ein unbewusstes inneres, welchem der neu gebildete körper eine wohnung, ein gefäß, eine hülle ist. diese intensität der materiellen kommunikation gibt den körpern ihr gewicht.
die jüngste videoarbeit „emeth“ dokumentiert die sprengung, die zerstörung dieser körper an unterschiedlichen schauplätzen. das geschehen wird gefilmt und am nächsten ausstellungsort teil der videoprojektion. die vermittlung der wahrheit (emeth) in konkreten sinnlichen bildern ist im Scherbenhaufen neu manifestiert, die trennung einer vorangegangenen verdichtung wird zum neuentwurf von körperlichkeit in einem virtuellen umfeld. alte und neue orte fließen in übergeordneten, vernetzten bezügen zusammen, der ablauf von ereignissen schafft eine zeitlichkeit, die dem kunstwerk bewusst hinzugefügt wird. die aus dem „nichts“ durch das ständige hinzufügen von material geformte plastik fällt ins „nichts“ zurück und stellt so totalitäre konzepte über die dekonstruktion neuerlich in frage. angedeutet sehe ich auch das nichtwissen vom aussehen eines ganzen körpers, welcher im betrachter oder der betrachterin als vorstellungsbild neue gestalt und leben gewinnt.

Renate Breuß

(Judith Moser: emeth. Wien: Triton 2002, S. 42f.)