mnemosyne

„Ich stelle mir vor, Zeus (org. den Autor) von hinten zu nehmen und ihm ein Kind zu machen, das seines aber trotzdem monströs wäre.“

Deleuze. 1993. S.15

 

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ICH, UND NUR DAS ZÄHLT HABE, HIER DAS SAGEN, spart euch folglich das Gerede, mit dem ihr nach Bedeutung schielt, diese Aneinanderreihung von Sätzen, vergeblich ist sie. Welches Wort ihr auch sucht, ihr werdet nur mich finden, wohin immer ihr schaut in euren Gedankenvierwänden, ich bin schon dort, um euch zu erwarten. Ihr habt ausgedient, könnt das Vergessen beschmusen und müsst die Lippen nicht mehr schürzen, um euch ans vermeintliche Genie zu verschachern, als hätte es Letzteres je gegeben in Menschengestalt. Ja, ich weiß, auf die Dichter wollt ihr euch berufen, mit den Musen leben, heißt, humanistisch leben, wer sagte das noch? Ach, egal, so labern sie, die euch Blumen streuen – aber tun sie es euch zuliebe, denkt ihr das wirklich? Könnte es sein, dass ihr ihnen lediglich Steigbügelhalter seid zum Ruhm, den sie so lächerlich auskosten?

Brauchst nicht die Braue zu heben, Klio, ich weiß, dir behagt die Zeitform meiner Sätze nicht. Recht hast du, in der Vergangenheit sollte ich formulieren, denn schon lange seid ihr den Künstlern keinen Pfifferling mehr wert. Früher, ja, da hattet ihr Priester, Diener, jede Zeile, selbst die des erbärmlichsten Waschweibs, sprach von euch. Geschichte seid ihr – und darauf verstehst du dich, Klio, nicht? Das waren noch Zeiten, als sie euch Honig ums Kussmaul schmierten und auf euren Beistand aus waren, aber nicht etwa aus dem Grund, um am göttlichen Funken teilzuhaben, wer dies glaubt, hat keinen Künstler je begriffen. Ja, Dike, ja, auch die Künstlerinnen meine ich. Eure Halbschwester ist zur Paragraphenfurzerin geworden, will mich lehren, politisch korrekt zu sprechen, dass ich nicht lache, als hätte ich nicht die Politik erfunden – und die Gerechtigkeit als ihren Widerpart. Pardon, ihre Widerpartin.

Aber zurück zu euch und euren jämmerlichen Gefolgsleuten von einst. Von anderen abheben wollten sie sich! Schon wahr, das ist auch eine Methode, um sich selbst zu erhöhen. Und an ihrem Willen hat sich wenig geändert, nur rufen sie jetzt ihre PR-Frauen an, die haben euch den Rang abgelaufen, was gut ist, was schlecht, bestimmt die richtige Strategie. Und ihr? Zu Schraffuren einer längst überlebten Tradition seid ihr geworden und ward doch einst Daseinsmächte, die Behüterinnen des geistigen Lebens, sogar die Schulen hatte man eurem Schutz unterstellt. Hättet lieber die Lehrerinnen und Lehrer beschützen sollen vor dem Unfug, der ihnen als Lehre über die Lippen ging. Leere oder Lehre? Ja, das ist was für Wortklauber. Ach, vielleicht war es ein Fehler, euch nicht auf die bildenden Künstler loszulassen, Pedanten auch sie, verbal aber eher von schlichtem Gemüt. Jedoch ich mochte sie nie, diese Imitatoren, was brauche ich Wiederholungen, wenn ich doppelt sehen will, sauf ich mir einen an. Oje, ein Kalauer, na, immerhin einer von Gottes Gnaden.

Du tätest gut daran, dir dein dämliches Grinsen zu verkneifen, Thalia, denn auch deine Zeit ist abgelaufen. Was einst Komödie war, ist zum Bauernschwank geworden. Apropos Bauer, ein Schwätzer kommt selten allein, auch wenn es Jahrhunderte später so aussieht. Zu Dutzenden sind sie aufgetreten, von wegen Singularität, der individuellste Ochs ist Herdenvieh. Mir hat es die Nachwelt zu verdanken, dass ich sie nur zwei, drei Namen auswendig lernen lasse. Wie hieß er noch dieser Viehhirte aus Askra, verdammt, wie hieß er denn? Werde eure Mutter fragen, die erinnert sich ja an alles und jeden. Nur in einem wird sie von ihrem Gedächtnis im Stich gelassen, nicht neun Nächte vögelte ich mit ihr sondern neunmal hintereinander in einer Nacht. Tja, Erato, das ist die Wahrheit, nicht die Sehnsucht trieb mich zwischen die Schenkel deiner Mutter, die Gier ließ mich in ihr versinken ein ums andere Mal. Nur verklemmte Naturen bedürfen deiner Unterstützung, o du Muse der Liebesdichtung, sie besabbern dich, um zu verbrämen, wohin ihr Schwanz sie steuert.

Irre ich mich etwa, Urania? Was sagen die Sterne? Wird’s ein guter Fick, wird’s ein schlechter? Muss Melpomene die Trauermaske hervorholen oder darf Polyhymnia auf die Bühne? Komm, ja, du dort hinten mit dem Aulos in der Hand, du bist doch die Muse der Lyrik – ist jeder Orgasmus ein Gedicht? Und wo ist dein Schwesterchen hin, die Schönstimmige mit dem epischen Temperament, hat sie der Voyeurismus in die Kammer des Adonis gelockt, mit wem treibt er es gerade – mit Aphrodite oder mit Persephone? Wie viele seid ihr eigentlich?

Stimmt schon, neun. Neunmal gevögelt, neunmal abgespr –  meine Güte, jetzt seid doch nicht so bieder! Ihr kommt so gar nicht nach eurer Mutter, sonst würdet ihr euch erinnern, dass die Lust früher ein durchaus göttliches Attribut war. Und abgesehen davon, ist meine Frage nicht berechtigt? Wer sagt mir, dass ihr alle Neune von mir seid, sind wir denn beim Kegeln? Ihr verwendet die Kopfgeburten eines Schreiberlings als Vaterschaftsnachweis? Eure Mutter möge euch aufklären, sie weiß nur zu genau, dass über eure Abkunft, euren Wohnsitz und eure Funktion die widersprüchlichsten Überlieferungen kursieren. Ist sie nicht selbst eine Muse, hießen ihre Schwestern nicht Melete und Aoide? Gibt es nun drei titanische Musen oder deren vier, und wie sieht es mit den apollonischen aus?

Alles Firlefanz letztendlich, müßig, darüber zu spekulieren, Tempi passati, schon die Römer waren eurer Anwesenheit überdrüssig. An den Dichtern erkennt man, wie die Zeiten sich ändern, sie sind die Fähnchen im Wind. Braucht ein guter Christ einen Musenaltar? Dass auch die Ablehnung irgendwann zum Topos wurde, ist göttliche Gerechtigkeit, will euer Blick mir das sagen? Dass die Zukunft jenen, die euch verhöhnen, das Maul stopfen wird, dein Wort, Urania, in meinem Ohr. Irgendwann tritt jeder Poetaster vor seinen Homer. Und dann wollen wir sehen, ob er wiederholt, Langeweile, du bist die Mutter der neun Musen. Nun schaut nicht so entsetzt, das schrieb wirklich einer, keine Ahnung, wie er heißt, einer dieser Müßiggänger eben, ihn als solchen zu bezeichnen, ist doch auch euer Triumph, etwa nicht?

Wenn ihr wüsstet, wie müde ich der Worte bin. Niemals hätte ich es zulassen dürfen, dass ihr mit Apollon zieht. Ich habe ihm stets misstraut, ist er dunkel oder hell, ein Verkünder oder ein Vernichter, nichts als Ungewissheiten, sobald die Sprache sich Raum greift. Prometheus brachte den Menschen das Feuer, Apollon legte ihnen das Wort in den Mund, rasch wird aus einer Elegie ein Pamphlet, aus einer Ode ein Kriegslied. Dass ich ihm Kassandra schickte, war ein Versuch, ach, lassen wir es. Wusste sie auch um unser Schicksal? Haben wir ihre Rufe überhört? Und sind nicht die Göttinnen des Schicksals meine Töchter auch?

Nicht leicht ist es, Zeus zu sein, wer möchte an meine Stelle treten bei dem, was die Vergangenheit lehrt? Die Gegenwart macht immer blau, bläut die Geschichte ein, wer wüsste das besser als du, meine Klio, schau mich nicht so traurig an. Bring deine Schwester zum Lachen, Thalia, bring uns alle zum Lachen, damit wir lauter sind, als das Vergessen jemals schreien kann. Mit den Musen leben, heißt, humanistisch leben, Cicero sagte es, nun fällt’s mir wieder ein, hab Dank, Mnemosyne, komm, nimm auch die Menschheit von vorne, von hinten, manchmal wünsche ich, und nur das zählt, du allein hättest das Sagen.

Christoph W. Bauer

 

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