Voilà! Voler: Performance

In ihrer Ausstellung VOILA! VOLER: im Zwischennutzungsprojekt „RFDINSEl“ präsentiert Judith Klemenc neue Arbeiten, die feministische, Rassismus- und Klassismus-kritische Positionen erfahrbar machen und – wie der Titel andeutet – allzu festgefahrene Figuren in Bewegung versetzen wollen. Judith Klemencs Arbeiten zeugen von einer ephemeren Kraft, die der Materie stets schon immanent ist. Es ist das, was die Körper in die Luft heben und fliegen lässt, was Klemencs Arbeiten zeigen: „Voler, c´est le geste de la femme, voler dans la langue, la faire voler, […]“, schreibt die französische Autorin Hélène Cixous, und in der deutschen Übersetzung von Claudia Simma klingt es so: „Voler, (sich davon)stehlen, (ent)fliegen, das ist die Bewegung der Frau, in der Sprache stehlend entfliegen, die Sprache dazu zu bringen, sich flugs davonzustehlen.“[1]
Bisher war es das archaische Material Ton, wovon auch das Erdgeschoß der aktuellen Ausstellung mit den Arbeiten „worlds“ und „together“ zeugt, mit dem Judith Klemenc tradierte Welt- und Selbstverständnisse befragte. Doch jüngst zeigt sich eine Wende in ihrem Œuvre, auf die eine Neubestimmung von weiblich konnotierten Materialen wie Spitze, Seide, Watte und Kleidungsstücken wie beispielsweise Strümpfen und Schlüpfern hinweist. Im 1. Stock des Glaskubus vor dem Landestheater Innsbruck setzt sich die raumbestimmende Arbeit „Amen II. campaigning for the light of the world“ für eine Anerkennung von scheinbar am Boden liegenden Werten wie Fürsorge, Empathie und Abhängigkeit ein: Pulsierende leuchtende Körper wuchern durch den offenen Ausstellungraum und klettern die glatte Glasfront empor, um dort mit Boxhandschuhen auf eine Wertschätzung von humanistischen Werten zu pochen. Mit der Hinwendung zu den Materialien Seide und Spitze seien auch die Arbeiten „nurse“, „beyond the frame“ und „chora“ im selben Raum genannt, die für eine gesellschaftliche Anrufung sensibilisieren. Abgegrenzt davon thematisiert die Arbeit „0815 II“ das Begehren entlang eines Begriffs von Normalität, der intersektionale Diskriminierungskategorien ausblendet.
Der letzte Raum ist mit Federn gefüllt: Eine Pritsche übersät mit Federn spielt sowohl auf ein Federn-Lassen an als auch auf ein sich oder andere In-Federn-Betten. Einige dieser Federn – „3 × 3 = 9“ – sind einzeln auf Wachs als Flügel erfasst und hinter einen Rahmen gebracht. Der Titel dieser Arbeit „wings“ führt zugleich zum Titel der Ausstellung: VOILA! VOLER:.
Was bei Cixous als widerständige wie produktive Geste des Andersschreiben in Anschlag gebracht wurde, setzt sich in den Arbeiten Klemencs fort: Kritik an bild- und sprachimmanenten Strukturen von gesellschaftspolitischer Gewalt findet nie von außen statt, sondern regt sich immer schon inmitten der Verhältnisse. Ihre Kunst bleibt nicht bei der Kritik stehen, sondern vermag es bereits, neue Assoziationen zu mobilisieren und menschenwürdige Reflexionsräume zu eröffnen. Ein ethisch-ästhetischer Anspruch wird somit zentral: die Anerkennung aller Menschen in ihren unterschiedlichen Verletzbarkeiten.

[1] Hélène Cixous: Das Lachen der Medusa. In: Esther Hutfless, Gertrude Postl, Elisabeth Schäfer (Hg.), Das Lachen der Medusa zusammen mit aktuellen Beiträgen, Wien: Passagen Verlag 2013, S. 39–63, hier: S. 53

Barbara Unterthurner

Credits:
Konzept,Choreografie, Video, Performance: Judith Klemenc